Talentschuppen

Praxis für     Begabtenförderung

Besonders begabte Kinder im Vorschulalter

„Er mag keinen Fußball. Mit Computerspielen beschäftigt er sich auch nicht. Der zwölfjährige Sho Yano hat ein anderes Hobby: die Universität. Nach dem ersten Schuljahr hat er ein Buch geschrieben, das Biologiestudium bereits absolviert - und beginnt jetzt in Chicago sein Medizinstudium.“
Dieser Ausschnitt aus der aktuellen Medienlandschaft zeigt, dass das Thema „Hochbegabung“ in den letzten Jahren eine Hochkonjunktur erlangt hat und in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen und diskutiert wird.
Nicht nur politische Parteien und Verbände haben das Thema für sich entdeckt, sondern als Folge haben sich auch zahlreiche private Vereine, Elterninitiativen und andere Gruppierungen mit dem Ziel der Interessenvertretung und Öffentlichkeitsarbeit gebildet.
Gleichzeitig bieten kommerzielle Bildungsanbieter Serviceleistungen wie Diagnostik und Fördermaßnahmen an, um suggerierte Bedürfnisse von Eltern und Lehrpersonen zu bedienen.
Dadurch entstehen vorwissenschaftliche Theorien, die sich zwischen Mythologie und Pathologie bewegen und je nach ideologischer Ausrichtung instrumentalisiert werden.

Besondere Begabung in der Kita

Der Forschungsstand heute geht davon aus, dass besondere Begabungen schon im frühen Kindesalter angelegt sind und äußere Umstände wie Elternhaus und Fördereinrichtungen darüber entscheiden, ob diese Anlagen auch ausgelebt werden können.
Leider wird Inklusion momentan nur defizitär gedacht, und Eltern und ErzieherInnen finden selten Hilfestellungen, wenn es darum geht, Informationen rund um das Thema „Hochbegabung“ zu bekommen , um ein besonders begabtes Kind passgenau fördern zu können.
Die Erzieherinnen, die ersten pädagogischen Fachkräfte, die das Kind intensiv kennen lernen, haben in ihrer Ausbildung normalerweise keine Gelegenheit, etwas über Hochbegabung zu lernen. Daraus ergibt sich eine fachliche Unsicherheit, hohe
Begabungen abzugrenzen gegen Entwicklungsvorsprünge, die sich wieder verlieren können, und gegen Ergebnisse besonders guter, vielleicht auch ehrgeiziger Förderung durch die Eltern.

Wie zeigt sich Hochbegabung im Kindergartenalltag?

Irena (Name geändert) war 3 Jahre und 6 Monate alt, als sie zum ersten Mal in den Kindergarten kam. Sie war freudig erregt und sehr aufmerksam, als ich ihr erklärte, an welchen Haken sie jetzt immer ihre Jacke hängen sollte, nämlich an den mit dem
Segelschiff-Bildchen. Sie flüsterte ihrer Mutter zu: "Mama, das kann ich mir ja leicht merken, dass das Segelschiff mein Zeichen ist, weil da steht ja mein Name daneben." Eine ungewöhnliche Äußerung für ein dreijähriges Kind. Sie zeigt, dass Irena nicht nur ihren Namen lesen konnte, sondern dass sie das Lesen auch bereits als Werkzeug benutzte, um sich in einer neuen Situation zu orientieren.
Frühes Lesen oder auch der frühe Wunsch, Lesen zu lernen, ist ein Hinweis auf eine besondere kognitive und sprachliche Begabung. Die weitere Beobachtung von Irena ergab noch viele andere Hinweise auf außergewöhnliche Fortschritte im Denken und
Sprechen.
Kindergartenkinder können aber auch in anderen Entwicklungsbereichen sehr stark von den gewohnten Altersnormen abweichen, zum Beispiel im logisch-mathematischen Bereich:
Am Adventskalender hing für jedes Kind eine Tüte. Jeden Tag durfte ein anderes Kind seine Tüte abschneiden und auspacken. Wer jeweils dran kam, entschied am Vortag das Los: In einer Dose war für jedes Kind ein Kärtchen mit dem Bild, das auch seinen Garderobenhaken kennzeichnet. Jeden Tag zog ein Kind aus dieser Dose ein Kärtchen, ohne hinzusehen. Das Kind, dessen Kärtchen gezogen wurde, kam am nächsten Tag dran und durfte sich seine Tüte holen.
Daniel (3;5) und Leo (3;6) (Namen geändert) erlebten dieses jährliche Ritual zum ersten Mal. Leo war ein gut entwickeltes und gut gefördertes Kind. Daniel war hoch begabt, mit einer Vorliebe für Mengen, Zahlen und logische Zusammenhänge, was im Kindergartenalltag mit der Zeit immer deutlicher wurde. Wenn ich nun fragte: "Wer ist denn heute beim Adventskalender dran?", wussten die älteren Kinder Bescheid und riefen den Namen. Daniel blieb dabei stets ruhig und gelassen, Leo dagegen war jedes Mal tief enttäuscht und fragte mich, wenn ein anderes Kind sich seine Tüte geholt hatte, immer wieder: "Warum nimmst du mich nicht dran?"
Eines Tages bat ich die beiden Jungen, noch kurz da zu bleiben, und stellte (vor der Auslosung für den nächsten Tag) zuerst Leo die Frage: "Na, Leo, glaubst du, dass du morgen dran kommst?" Leo (strahlend): "Jaaa!" Nachfrage: "Warum glaubst du das?" Leo: "Weil ich das haben will." Daniel antwortete auf dieselbe Frage: "Kann sein, kann auch nicht sein." Und auf die Nachfrage: "Wie meinst du das?" Daniel: "Na, wenn ich nachher gezogen werde, komme ich dran, und wenn nicht, dann nicht.
...Vielleicht komme ich aber auch erst als Allerletzter dran."
Leo zeigte eine völlig alterstypische Reaktion: Sein Denken war von seinem starken Wunsch beherrscht, endlich dran zu kommen. Jeden Tag war er aufs Neue gespannt, erwartungsfroh und dann wieder enttäuscht und zunehmend böse auf mich als Erzieherin und forderte von mir, dass ich ihn dran nehmen sollte.
Das Prinzip des Zufalls verstand Leo noch nicht. Er verstand auch nicht die Erklärungsversuche der älteren Kinder, fühlte sich aber durch ihre Zuwendung teilweise getröstet. Er war bei diesem Ritual ebenfalls geistig aktiv und versuchte, sich das Geschehen zu erklären. Da ihm aber das Zufallsprinzip als Erklärungsmuster (noch) nicht zur Verfügung stand und er auch noch keinen klaren
Überblick über die Zeitbezüge zwischen den Begriffen "gestern", "heute" und "morgen" hatte, konnte er sich die Tatsache, dass er jetzt wieder nicht dran kam, nur so erklären, dass irgendwer willkürlich und gerade jetzt sein Drankommen verhindert hatte. Nahe liegender Weise wurde die Erzieherin als die mächtigste anwesende Person dafür verantwortlich gemacht.

Daniel durchschaute das System dagegen klar. Auch er zeigte in den nächsten Tagen immer wieder Enttäuschung, äußerte sie aber anders: "Schon "O nein, kann denn nicht mal wer mein Bild ziehen?" wieder Pech!"
(In: "KiTa aktuell", Ausgaben NRW und Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Oktober 2003, S. 203-205)


Diagnose und Fördermöglichkeiten im Vorschulalter

Besonders begabte Kinder werden nicht gefunden, sondern entwickelt!!


Intelligenz ist keine statische Größe, die einmal besteht und bleibt.
Vielmehr kommt der Umgebung und vor allem den begleitenden Bezugspersonen eine wichtige Rolle zu in der Entwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten.
Es kommt nicht darauf an, glückliche, zufriedene Hochbegabte zu Hochleistungen zu bringen, wenn sie das gar nicht wollen- eine Diagnose ist keine Garantie für eine gelungene Bildungsbiografie.
Vielmehr gehört eine besondere Begabung zur individuellen Persönlichkeit eines Kindes und beeinflusst damit natürlich die Art und Weise, wie es sich in der Welt bewegt.

Erste und wichtigste Kernkompetenz von pädagogischem Personal im Vorschulalter ist die BEOBACHTUNG und DOKUMENTATION. Spezielle Beobachtungsbögen und nonverbale Testverfahren können diese bei dem Verdacht auf Hochbegabung unterstützen.

Weitere Kernkompetenz von ErzieherInnen ist KOMMUNIKATION. Gespräche mit TeamkollegenInnen und Eltern können wichtige Hinweise auf eine besondere Begabung geben.

Standardisierte Testverfahren können als Ergänzung zu den oben aufgeführten Maßnahmen dienen.
Sinnvoll sind diese aber erst ab einem Alter von 4-5 Jahren.

Wichtigste Fördermaßnahme für ein hochbegabtes Kind ist die wertschätzende BINDUNG an die jeweilige Bezugsperson.
Nur dann ist es möglich, die individuell richtige Förderung für das Kind zu finden, denn nicht jedes hochbegabte Kind mag Knobelaufgaben, schon lesen lernen oder naturwissenschaftliche Experimente durchführen .
Die emotionalen Grundbedürfnisse entscheiden über angedachte Fördermaßnahen, und „Höher, schneller, weiter“ kann die Lösung sein- muss aber nicht!
Die durch Ministerien und diverse Hochbegabungszentren empfohlenen Fördermaßnahmen kennen häufig nur Enrichment und/oder Akzeleration als Maßnahmen:

ENRICHMENT: Unter Enrichment versteht man das Anreichern von Lerninhalten. Sowohl Umfang als Schwierigkeitsgrad sollten für das hochbegabte Kind gesteigert werden.

AKZELERATION: Unter Akzeleration versteht man die Beschleunigung der Bildungslaufbahn: Vorzeitige Einschulung, Klassen überspringen u.ä.

Wichtig zu erwähnen ist, dass es in NRW nicht möglich ist, eine frühzeitige Einschulung rückgängig zu machen. ______________________________________________________________

Gern würde ich Sie mit meinen Fortbildungsangeboten unterstützen, sinnvolle Fördermaßnahmen in den Kitaalltag zu integrieren.
Auch ist es möglich, Fallberatungen zu begleiten oder Einzelbeobachtungen und / oder Testverfahren durchzuführen.


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